Ende 2008

Dezember 24, 2008 at 12:53 pm (Uncategorized)

23.12.08

Es ist, wenn man von dem Nachtrag mal absieht, schon 2 Monate her, seit dem ich das letztemal etwas geschrieben habe. Es ist nun Weihnachten und wir haben so etwas wie Weihnachtsferien, konkret einfach vorgezogene Neujahrsferien, weil hier noch bis zum 30.12. normal gearbeitet wird.

Der November war ein ziemlich ruhiger Monat. Carmen und ich waren mit unserem Stück im Theater beschäftigt (Aufführung Ende Januar inşallah), das Wetter war noch sehr warm, so dass wir auch noch viel in der Stadt herumspazieren konnten (und wir haben unser Viertel und die Innenstadt jetzt auch ziemlich gut kennengelernt), Cicek steckte in ihrer Krise und Camille hat verzweifelt nach Aufgaben noch neben seinem Projekt gesucht. Wir hatten Anfang November noch mal eine Große gruppe Couchsurfer bei uns; ein ziemlich bunter Haufen aus Lettland, Schweden, GB und USA plus einer Freundin von Cicek zur seelischen Unterstützung und wir hatten eine sehr schöne und lustige Zeit zusammen. Es gab einige Probleme mit Emin, der sehr mit eigenen Sachen beschäftigt zu sein scheint, wie zu Beispiel seiner Eignungsprüfung für ein Studium im Ausland und keine wirkliche Hilfe für uns ist, sondern kleine Schwierigkeiten, wie das Verlängern des Visums, nur noch komplizierter macht. Aber dadurch, dass wir ein volles Haus hatten, hat uns das nicht missmutig gestimmt. Umso leerer wurde es Ende November, als uns an einem einzigen Tag gleich 6 Leute verließen, und nur Carmen, Camille und ich zurückblieben.  Wenn wir uns auch am Anfang recht einsam vorkamen, hatte doch speziell Ciceks Flucht in den Iran positive Auswirkungen auf Emin. Auf einmal fing er an sich um uns zu bemühen, nicht, dass er das vorher nicht getan hätte, nur jetzt brachte es auf einmal auch Resultate. Camille arbeitet nun 3mal die Woche im AEGEE Büro und er (Emin) hat einen netten und kompetenten Menschen gefunden, der uns dabei geholfen hat Kissen, einen Staubsauger und andere notwendigen Dinge zu besorgen, damit man es sich in der Wohnung -unserem zu Hause für die restlichen 6 Monate- etwas gemütlich machen kann. Lange Rede kurzer Sinn, Emin ist ein netter Mensch, aber total ungeeignet als Koordinator und wir sind uns hier einig , dass es sowohl für uns, als auch für ihn besser ist, wenn wir unsere Angelegenheiten ohne ihn regeln, auch wenn das heißt , dass wir eben nicht alles mit ihm absprechen. (die letzten Wochen hat das übrigens sehr gut funktioniert. Emin bezahlt und wir machen den Rest.)

Anfang Dezember wurde es dann etwas kühler und wir haben die Tatsache zu schätzen gelernt, das DVDs hier nur 3 Manat kosten. J Wir haben unser Fliegenproblem in der Wohnung endlich beseitigt, ich war bei einer „deutschen“ Party, auf der Salsa unterrichtet wurde und habe dort einen netten aserbaidschanischen Kunststudenten kennen gelernt, der kein Aseri sprechen kann, obwohl er in Baku geboren ist, bin 30.000 mal von den unterschiedlichsten Leuten positiv auf Hitler angesprochen worden, so dass ich mir echt überlege nach den Ferien eine kleine deutsche Geschichtspräsentation im Jugendzentrum zu halten, ich habe 2 Professoren der staatlichen Universität kennen gelernt, die mir viel über die Korruption in den Schulen erzählt haben, und bin jetzt Spezialistin im Suppe kochen, weil ich die einzige bin, die weiß, wie man Linsen zum explodieren bringt. J

Dadurch, dass wir mit so vielen Leuten, ob nun Ausländer oder nicht Bekanntschaft geschlossen haben, haben wir auch mehr Möglichkeiten an interessanten Veranstaltungen teilzunehmen. Zum Beispiel hat uns ein Mädchen, die wir in der Metro getroffen haben und , die letztes Jahr evs in Rumänien gemacht hat, zu einem Seminar über Geschlechtergleichheit speziell häusliche Gewalt gegen Frauen eingeladen, und das war richtig interessant. Camille hat sich als einziges männliches Wesen zwar etwas unwohl gefühlt, aber ich habe jetzt Kontakt zu der Vorstehenden dieser Organisation (habe leider den Namen nicht im Kopf), und sie war ganz begeistert uns Material (wie Filme) zur Verfügung zu stellen, falls wir dieses Thema in unserem Forum-Theater-Projekt behandeln wollen.

Im zweiten Dezemberwochenende haben Carmen und ich unser Theater dann in den Norden in das Dorf şeki (gespr. Scheki) begleitet. Sie hatten dort mehrere Aufführungen und, obwohl wir nicht selbst mitgespielt haben und eigentlich gar nichts zu tun hatten, bin ich super froh mitgefahren zu sein. Wir sind mit dem Nachtzug hin und zurück gefahren, und haben eine Nacht im Elternhaus eines Schauspielers verbracht, und so das richtige aserbaidschanische Landleben kennengelernt, was natürlich nochmal ganz anders ist, als das Leben in Baku. Und das wichtigste wir haben angefangen zu sprechen, denn wie man uns immer wieder sagte: „ sǝnǝ daniş lasimsǝn.“ (You need to speak) Und wir haben unsere „Kollegen“ besser kennengelernt, mal davon abgesehen, dass şeki ein total süßes Dorf ist umgeben von schneebedeckten Bergen.

Das wohl am meisten beeindruckende Erlebnis war aber die Fahrt mit den 26 anderen Studenten an die Grenzregion zu Karabagh. Wir wurden gefragt, ob wir Interesse daran haben mit einer größeren Gruppe Flüchtlingscamps zu besuchen und danach einen Aufsatz darüber zu schreiben. Das ganze wird organisiert vom Verein für ausländische Studenten und zu 70% von der Regierung finanziert. Der Trip war so ziemlich das interessanteste, was ich bis jetzt hier gesehen habe. Erst einmal war es eine sehr gemischte Gruppe mit Leuten aus natürlich Deutschland und Aserbaidschan, Frankreich, Türkei, Russland, Ägypten, Bangladesch, Pakistan, Irak, Nigeria, Namibia und China. Gesehen haben wir zerstörte Dörfer, Friedhöfe und Monumente, Schulen und drei Camps in unterschiedlichen Zuständen, aber auch die Zentrale der Mienenarbeiter, wo wir auch 2 Nächte unterkamen. Wir haben sowohl mit dem Zuständigen für die Säuberung der verminten Gebiete gesprochen und erfahren, wie vorgegangen wird um, das Land wirklich sichern zu können, als auch mit Autoritäten, also lokalen Politikern, die ihre Sicht des Flüchtlingsproblems und der politischen Situation erklärt haben. Für mich war allerdings das Eindrucksvollste und Bedeutendste die Gespräche mit den Lehrern in den Schulen und den IDPs selbst in ihren Häusern. Ich denke es wird keine leichte Aufgabe einen Aufsatz/Bericht über das zu schreiben, was wir gesehen haben. Nicht nur, weil es in Englisch geschrieben werden muss, und weil wir ja alle wissen, dass uns bewusst eine bestimmte Seite gezeigt wurde, sondern weil es sehr kompliziert ist in Aserbaidschan etwas zu veröffentlichen, (auch wenn es von Ausländern kommt) dass deine eigene Meinung wiederspiegelt, sich trotzdem noch im Rahmen der (ich muss es leider sagen) Zensur befindet, aber nicht zu Propaganda missbraucht werden kann; und natürlich auch noch einigermaßen gut geschrieben und interessant ist. Die Organisation selber hat solch ein Projekt vorher auch noch nie durchführen können, und wir haben uns auch lange mit dem Leiter Herrn Omud unterhalten, um die Ziele dieser Aktion zu erfahren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eigentliche Interesse darin bestehen soll die Öffentlichkeit, vor allen die jüngeren Leute in Aserbaidschan auf dieses Problem aufmerksam zu machen und sie über die reale Situation der Menschen zu informieren, dennoch ist es eine Grenzaktion, da sich herausgestellt hat, dass die meisten vor haben in ihren Berichten vor allem die Regierung zu kritisieren.

2 Dinge sind für mich besonders (ungewöhnlich imponierend außergewöhnlich staunenswert imposant mir fällt das richtige Wort nicht ein) besonders beachtlich vielleicht. Erstens der Fakt wie wenig die Leute hier in Baku einerseits über den ganzen Konflikt und andererseits über die Situation der IDPs wissen, nie dort waren und auch nicht wirklich Interesse daran haben mehr zu erfahren, trotzdem aber ständig von ihrem Hass gegen Armenier reden und unbedingt bald möglichst für ihr Karabagh Gebiet kämpfen wollen, die Menschen mit denen ich gesprochen haben aber kein Interesse an einem erneuten Krieg oder Kampf haben. Zweitens in welch elendigen Bedingungen die Menschen zum Teil seit 16 Jahren leben und warten und warten, dass etwas passiert, sie nicht wissen was sie machen sollen oder können und trotzdem solch eine große natürliche Hoffnung haben, dass sie bald in ihr Heimatgebiet zurückkehren können. Diese Menschen sind wirklich in der bedauerlichen Situation, dass sie von der einen Seite aus ihren Dörfern vertrieben wurden vom Krieg traumatisiert (sind), auf der anderen Seite aber nicht die Hilfe bekommen sich ein neues Leben aufzubauen, weil es nicht der momentanen Politik ihrer Regierung entspricht. Sie können weder vor noch zurück. Da erscheint es verständlich, dass sie sich nur noch als Flüchtlinge und Opfer identifizieren und nicht mehr als Bauern, Lehrer oder als die Individuen, die sie mal waren.

Mir fällt jetzt der Kommentar eines Mannes ein. Am internationalen Tag des Freiwilligendienstes hatten wir ein Interview im Radio generell über das was wir hier so machen. Dieser Mann hat angerufen und gesagt: „Die sind doch bloß hier, um ein exotisches Land zu sehen. Warum gehen sie nicht in den Kongo? Aserbaidschan braucht keine Freiwilligen.“    Ich hätte das selbst nicht gedacht, aber in Fisuli, Aĝdam, Tǝrtǝr, etc. kam ich mir wirklich wie in einem Dritte Welt Land vor. Jedenfalls hat diese Reise tausend neue Fragen aufgeworfen und ich werde mich sicher weiter mit dem Thema beschäftigen.

Ich habe auch eine Deutsche kennengelernt, mit der ich vorhabe die Weihnachtszeit zu verbringen. Heilig Abend gehen wir gemeinsam in den Gottesdienst. Auch sonst ist es schön hin und wieder etwas Deutsch zu sprechen. Die Feiertage über bleibe ich in Baku, aber über Sylvester und die erste Januarwoche habe ich vor mit Camille nach Georgien zu fahren. Fast alle, die dort waren, hatten nur Schönes zu erzählen und waren begeistert. Mal sehen, ob sich das Couchsurfing auch für uns lohnt.

 

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr!

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